Japan: Fukushima und danach ..

Japan: Situation und  Auswirkungen auf die europäischen Kapitalmärkte


Die Situation in Japan ist in ihrem Ausmass kaum fass- und bezifferbar. Um die Folgen allein der Naturkatastrophen – Erdbeben und Tsunami – auf die europäischen Kapitalmärkte einzuschätzen, soll an dieser Stelle jedoch trotzdem der Versuch unternommen werden, basierend auf der momentanen Informationslage, die Katastrophen-Effekte zu analysieren, dabei gleichzeitig jedoch auch die konkreten Risikofaktoren zu benennen, welche eine abschliessende Lagebeurteilung erschweren.


Situationsbericht und historische Vergleichslage

Um die Ausführungen zu den wirtschaftlichen Katastropheneffekten einzuleiten und eine informatorische Basis zu legen, soll als erstes kurz die aktuelle Lage in Japan angeführt und eine historische Vergleichslinie zum Erdbeben in Kobe von 1995 und dessen Folgen gezogen werden.

Der Nordosten Japans ist weitestgehend zerstört. Erste Schätzungen über das Ausmass der volkswirtschaftlichen Schäden bewegen sich um 2% vom BIP Japans. Ein Vergleich mit dem Erdbeben von Kobe im Jahr 1995 zeigt, dass die Schadenshöhe damals auf demselben Niveau lag.Die momentan vom Erdbeben betroffene Region trägt lediglich ca. 2,5% zur Wirtschaftsleistung Japans bei. Die Region Kobe stand 1995 hingegen für etwa 14% der Wirtschaftsleistung Japans.

Um also die Effekte der jetzigen Katastrophe einzuordnen, kann ein Blick auf die Folgen des Erdbebens in Kobe im Januar 1995 Aufschluss bieten:Damals brachen die Industrieproduktion sowie der privater Konsum kurzfristig ein.Die japanische Regierung unterstützte den Wiederaufbau danach mit enormen fiskalpolitischen Massnahmen.Schliesslich erholte sich die japanische Wirtschaft schnell von den Folgen des Bebens. Das Wirtschaftswachstum fiel mit 2% für das Gesamtjahr 1995 dann auch deutlich positiv aus.

Nicht einbezogen in dieser Schätzung sind jedoch die Folgen der sich anbahnenden atomaren Katastrophe. Auch ein Vergleich mit dem Atomunglück im Kernkraftwerk Tschernobyl vom 26. April 1986 in der ukrainischen Stadt Prypjat ist nicht zielführend, da die geographischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen deutliche Unterschiede aufweisen. Ein Super-Gau in der weltweit drittgrössten Volkswirtschaft würde jedoch einen Zerstörungsgrad in einer unbezifferbaren Dimension generieren, dessen Folgen auf Grund des heutigen Erfahrungsstandes nicht einordenbar sind, welche auch auf die Weltwirtschaft direkte Folgen aufweisen könnte. Diese würden jedoch weniger wirtschaftlicher als menschlicher Natur ausfallen, wie im Folgenden kurz aufgezeigt werden soll.


Effekt auf die europäischen Kapitalmärkte


Um den Bezug zu den europäischen Kapitalmärkten herzustellen, ist entscheidend, dass es sich trotz der Dimension der Katastrophe um ein regional begrenztes Problem handelt. Der Grund liegt in der geringen wirtschaftlichen Bedeutung der betroffenen Region für die japanische und entsprechend auch die globale Wirtschaft. Von einer Beeinträchtigung der weltwirtschaftlichen Entwicklung ist demnach nicht auszugehen. Das Risiko für die Weltwirtschaft wird zudem durch einen zu erwartenden schnellen Wiederaufbau der Region – unterstützt durch fiskalpolitische und unkonventionelle Liquiditätsmassnahmen der japanischen Regierung und Notenbank – begrenzt. Erste Liquiditätsmassnahmen der Bank of Japan über 146 Milliarden US Dollar  wurden bereits beschlossen und unterstreichen das umgehende und entschlossene Handeln der Behörden.


Aufgrund der zwar geringen aber doch bestehenden potentiellen Gefahren für die Weltwirtschaft ist weiter nicht davon auszugehen, dass die unkonventionellen Liquiditätsmassnahmen in Europa und den USA selbst, frühzeitig beendet werden. Vielmehr ist eine zeitliche wie mengenmässige Ausweitung der Massnahmen bei sich verschlechternden Wirtschaftsdaten zu erwarten. Eventuelle Wachstumseintrübungen würden ein vorsichtigeres Vorgehen der Europäischen Zentralbank bei den diskutierten Zinserhöhungen wahrscheinlich machen. Zinserhöhungen würde dann tendenziell später beschlossen werden.


Die Euro-Peripheriekrise und der hohe Ölpreis sind nach unserer Einschätzung bedeutsamer für die mittelfristige Entwicklung an den europäischen Kapitalmärkten als die Ereignisse in Japan. In diesem Zusammenhang gab es zuletzt positive Nachrichten, die die Marktentwicklung stützen sollten: Die Ausleihkapazität des Euro-Rettungsschirms EFSF (European Financial Stability Facility)wurde von 250 Milliarden auf 440 Milliarden Euro erhöht. Er wurde überraschenderweise autorisiert,  Käufe von Staatsanleihen hochverschuldeter Euro-Länder vornehmen zu dürfen. Der durch die Konflikte im Nahen Osten in die Höhe geschnellte Ölpreis zeigte eine nicht weiter steigende Tendenz, sondern entwickelte sich seit der Katastrophe in Japan schwächer.


Die ersten Marktreaktionen weisen zudem nicht auf eine Verkaufspanik hin und bestätigen somit unsere Einschätzung, dass das Thema Euro-Peripheriekrise und Ölpreis von den meisten Investoren als bedeutsamer für die Märkte wahrgenommen wird als die Ereignisse in Japan. Dies stützt der Umstand, dass die europäischen Aktienmärkte seit dem Bekanntwerden der Ereignisse nahezu unverändert handeln. Auch der europäische Rentenmarkt hat sich kaum verändert im Vergleich zum letzten Freitag. Anzeichen von einer Flucht in den sicheren „Hafen“ deutsche Bundesanleihen ist nicht auszumachen.


Risikofaktoren


Dennoch bleiben gewisse Unsicherheiten. Weitere Nachbeben und weitreichende Stromrationierungen durch einen möglichen Ausfall weiterer Atomreaktoren können zur Tangierung und Beeinträchtigung wirtschaftlich bedeutsamer Regionen Japans führen. Dabei wird vor allem die Entwicklung der Situation in Tokio entscheidend sein.

Direkte Effekte für die Weltwirtschaft könnte daraus erwachsen, dass die zur Finanzierung des Wiederaufbaus benötigte Liquidität zum Teil durch Repatriierung von Geldern – also durch Verkäufe von Auslandsinvestments japanischer Investoren – aufgebracht werden könnte, was sich insbesondere negativ auf den US-amerikanischen und europäischen Rentenmarkt auswirken würde. Derzeit beträgt das Engagement von Japan (Staat und Privathaushalte) allein in US-Staatsanleihen rund 700 Milliarden US Dollar und 800 Milliarden Euro in europäischen Staatsanleihen.

Eine kurzfristige Yen Aufwertung ist aufgrund der Repatriierung sowie der Erwartung einer Repatriierung von Geldern denkbar, sollte aber durch gegenläufige Devisenmarktinterventionen der Bank of Japan nicht zu einem nachhaltigen Aufwertungsdruck führen.


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